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29.03.2016

Armutsbericht 2016 des Paritätischen

Der aktuelle Armutsbericht des Wohlfahrtsverbands "Der Paritätische" ist erschienen.

Darin wird detailliert, erläuternd und anschaulich über die Entwicklung von Armut in Deutschland seit 2005 bis Ende 2014, in Teilen bis Ende 2015 berichtet.
Man erfährt wie Armut ermittelt wurde, wie sie sich regional verteilt und entwickelt hat, welche Ursachen zu Armut führten, in Armut hielten und weiter hinein trieben, welche Gruppen besonders betroffen waren, welchen Mangelsituationen sie ausgesetzt waren und wie die Armut Leib, Psyche und Sozialkontakte beeinflusste.

Der Bericht weist zudem auf politische Regelungen hin, die Armut verursachten oder verschärften oder solche, die ausblieben, obwohl sie notwendig gewesen wären, um Negativentwicklungen zu verhindern oder zu stoppen bzw. Positiventwicklungen zu ermöglichen und benennt solche, die nun erfolgen müssen, damit keine weitere Verschärfung bestimmter Situationen eintritt.

Bericht geht von relativer Armut aus


In der EU gilt kein absoluter, sondern ein relativer Armutsbegriff. Man gilt innerhalb der EU nicht erst dann als arm, wenn man kein Obdach hat und unter Hunger leidet, sondern wenn man über so geringe Mittel verfügt, dass man von der Lebensweise ausgeschlossen ist, die in dem Mitgliedstaat, in dem man lebt, als Minimum annehmbar ist. In der Regel sei dies der Fall, wenn man über weniger als 40-60% des mittleren Einkommens der jeweiligen Gesellschaft verfügt, soll eine EU-Kommission in einem Bericht festgehalten haben.

Für Deutschland geht Der Paritätische davon aus, dass 60% die Armutsschwelle darstellen. Wer hier über weniger als 60% des mittleren Nettoeinkommens verfügt, leidet unter deutlichem Mangel an Teilhabe- und Verwirklichungsmöglichkeiten.

Datengrundlage


Die Daten, die genutzt wurden, stammen aus kleinen Volkszählungen, die stichprobenartig jährlich durchgeführt werden und Mikrozensus genannt werden (Einzahl: der Mikrozensus, Mehrzahl: die Mikrozensus).

Ermittlung des Pro-Kopf-Haushaltsäquivalenzeinkommens


Alle Einkünfte, die in einem Haushalt auftreten (Erwerbseinkommen, Kindergeld, Wohngeld, ...), wurden zum Haushaltseinkommen summiert. Und zwar nur Nettoeinkommen, also nur das, was tatsächlich zur Verfügung steht.

Allen Haushaltsmitgliedern wurde dann ein Äquivalenzwert nach sogenannter "Neuer OECD-Skala" zugeordnet.
  • Erster Erwachsener: 1,0 
  • Zweiter Erwachsener: 0,5 
  • Kind über 14: 0,5 
  • Kind unter 14: 0,3 
Das Nettohaushaltseinkommen wurde nun durch die Summe der Äquivalenzwerte dividiert, um das Pro-Kopf-Haushaltsäquivalenzeinkommen zu ermitteln.

Mit Hilfe der Äquivalenzwerte sollte berücksichtigt werden, dass in Mehrpersonenhaushalten im Schnitt weniger Kosten pro Person anfallen als in Singlehaushalten und dass Kinderunterhalt weniger kostet als der von Jugendlichen und Erwachsenen. Ein Zweipersonenhaushalt muss beispielsweise zum Beheizen seiner Küche und für die Anschaffung von Küchengeräten nicht mehr ausgeben als ein Singlehaushalt.

Ermittlung des Einkommensmedians


Nun listete man alle Pro-Kopf-Haushaltsäquivalenzeinkommen ihrer Höhe nach auf. Das Einkommen, das in der Mitte stand, war der Einkommensmedian (das mittlere Einkommen). Es handelt sich also nicht um den Durchschnitt (das aritmetische Mittel). Der Einkommensmedian ist deutlich niedriger als der Durchschnitt, er ist aber brauchbarer als dieser, weil das durchschnittliche Einkommen wenig über das Leben in der Mitte der Gesellschaft aussagt, wenn ein gewaltiger Großteil der Summe aller Einkommen bei nur sehr wenigen ankommt, wie es in unserer Gesellschaft der Fall ist.

Einkommensmediane und Armutsschwellen von Beispielhaushalten, Reichtumsschwelle 2014

Reichtumsschwelle 2014
Vergleichbare Haushalte, denen mehr als 200% des dazugehörigen, folgend aufgeführten Nettoeinkommensmedians zur Verfügung stand, galten 2014 als reich.
Einkommensmediane von Beispielhaushalten 2014
Ein Haushalt, der 2014 einem der folgenden entsprach und damals das dazu notierte Nettoeinkommen hatte, dessen Einkommen stellte damals das mittlere Einkommen dar.
  • Singles
    • 1.528 €
  • Alleinerziehende
    • 1.987 € ... mit 1 Kind unter 14
    • 2.293 € ... mit 1 Kind zwischen 14-18
    • 2.445 € ... mit 2 Kindern unter 14
    • 2.752 € ... mit 1 Kind unter 14 und 1 Kind zwischen 14-18
  • Paare
    • 2.293 € ... ohne Kinder
    • 2.752 € ... mit 1 Kind unter 14
    • 3.057 € ... mit 1 Kind zwischen 14-18
    • 3.210 € ... mit 2 Kindern unter 14
    • 3.515 € ... mit 1 Kind unter 14 und 1 Kind zwischen 14-18
Armutsschwellen von Beispielhaushalten 2014
Ein Haushalt, der 2014 einem der folgenden entsprach und damals weniger als das dazu notierte Nettoeinkommen hatte, galt damals als arm.
  • Singles
    • 917 €
  • Alleinerziehende
    • 1.192 € ... mit 1 Kind unter 14
    • 1.376 € ... mit 1 Kind zwischen 14-18
    • 1.467 € ... mit 2 Kindern unter 14
    • 1.651 € ... mit 1 Kind unter 14 und 1 Kind zwischen 14-18
  • Paare
    • 1.376 € ... ohne Kinder
    • 1.651 € ... mit 1 Kind unter 14
    • 1.834 € ... mit 1 Kind zwischen 14-18
    • 1.926 € ... mit 2 Kindern unter 14
    • 2.109 € ... mit 1 Kind unter 14 und 1 Kind zwischen 14-18

Regelsätze für Hartz 4 und Altersgrundsicherung


Regelsätze für Hartz 4 und Altersgrundsicherung werden anders berechnet, nämlich nach dem Statistikmodell. Mit Hilfe von Stichproben wird dabei ermittelt, wofür einkommensschwache Haushalte wieviel Geld ausgeben. Auf Hintergrund der Ergebnisse werden Beträge für den täglichen Mindestbedarf errechnet. Man spricht hierbei vom soziokulturellen Existenzminimum. Bei Haushalten mit Kleinkindern liegt das Ergebnis oberhalb der relativen Armutsgrenze, bei Singlehaushalten liegt es unterhalb der relativen Armutsgrenze.

Das erinnert mich an meine Kindheit, in der meine Mutter ihr letztes Hemd für uns Kinder hergegeben hat, um uns irgendwie durchzukriegen. Sowas also nimmt man her, um Hartz-4- und Altersgrundsicherungs-Regelsätze zu ermitteln. Dass Erwachsene dabei noch ärmer als arm dastehen, ist also kein Wunder.

Ein paar Punkte aus dem Bericht herausgegriffen


2014 traf man Armut nach wie vor am häufigsten in Bremen an. Am stärksten steigt die Armut seit 2006 in Nordrhein-Westfalen.

Sehr stark überproportional von Armut betroffen waren 2014 weiterhin folgende Bevölkerungsgruppen:
  • Erwerbslose (57,6 %)
  • Alleinerziehende (41,9 %)
  • Menschen mit niedrigem Qualifikationsniveau (30,8 %)
  • Ausländer (32,5 %)
  • Menschen mit Migrationshintergrund generell (26,7 %)
  • Familien mit drei und mehr Kindern (24,6 %)

2014 mussten 38,4 % aller Alleinerziehenden von Hartz 4 leben. Neben den 795.000 Erziehenden waren davon auch 839.000 Kinder betroffen.

Auffallend nahm über die Jahre die Armut bei älteren Menschen, schon ab 50 und noch viel stärker ab 65 zu.

Zunehmend problematisch wurden für Arme die Wohnkosten. Es stand immer weniger Wohnraum zur Verfügung, der normal ausgestattet, in akzeptablem Zustand und dennoch von Armen bezahlbar war. Das hätte man mit ausreichend sozialem Wohnungsbau und mit Eingriffen in die unsoziale Entwicklung des freien Wohnungsmarktes verhindern oder wenigstens stoppen können. Statt dessen hat man es nicht nur zugelassen, dass Arme vielerorts verdrängt wurden, sondern diese Entwicklung mittels veralteter und unrealistisch niedriger Angemessenheitsgrenzen für Wohnkosten im Zusammenhang mit Unterstützung oder Kostenübernahme noch weiter befeuert.

Bericht lesen lohnt sich


Lesen Sie den Bericht. Ich finde besonders beeindruckend, wieviel Kenntnis er von den Ursachen, speziellen Mangelsituationen und Folgen der Armut - vor allem im zweiten Teil - vermittelt. Da merkt man besonders, dass er von Menschen geschrieben ist, die sehr genau hingeschaut haben.

Links dazu:

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