21.09.2011

Glückserkenntnisse

Statistiken und ihre Ergebnisanalysen sind machtvolle Werkzeuge.

Zwar glauben wir heute nicht mehr alles, vor allem nicht, wenn es jemand durchschaubar nur aufgrund falscher Fragen ermitteln konnte oder auf der Grundlage tiefenblinder Interpretation der Antworten zugunsten seiner subjektiven Weltsicht verbreiten möchte, aber Raum und Zeit in Diskussionen und Debatten nehmen die Daten und Analysen dennoch ein.

Problematisch ist es jedoch vor allem, wie und für was die Ergebnisse hergenommen werden; denn nach Abschluss der Studie ist ja auch gleich Schluss mit Wissenschaftlichkeit.

Zum Thema "Glücksatlas 2011"
(Quelle 1), einer Studie, die sich damit befasst, wie Einkommen, Beruf, soziale Kontakte, Familie, Gesundheit und Kultur die Lebenszufriedenheit beeinflussen, lese ich beispielsweise in einem Artikel (Quelle 2) zunächst, dass Glück nicht mit einem der Faktoren allein in Verbindung steht, sondern immer mit einer Kombination. - Arbeit und ausreichendes Einkommen zu haben sei jedoch besonders wichtig. - Dann erfahre ich, dass die von hoher Arbeitslosigkeit geplagten Thüringer die Unglücklichsten im Lande seien. Um schließlich die Aussage ertragen zu müssen, dass deren Mentalität Schuld daran sei.
Ob einer der Studienverfasser das damit meinte, als er angeblich sagte: „Man sollte den Ossis empfehlen, hin und wieder einen Kumpel auf ein Bier einzuladen“, wage ich zu bezweifeln; denn eine wissenschaftliche Definition und Erfassung verschiedener Mentalitäten war nicht Gegenstand der Studie. - Da war wohl eher ein Vorurteil des Zeitungsschreibers die Mutter der Behauptung. - Obwohl der Studienverfasser seiner wissenschaftlichen Neutralität mit dem Wort "Ossi" keinen Gefallen getan hat.

Aber auch der Rat mit der Biereinladung ist - obwohl sicher ungewollt - zynisch.
Wer die Debatte zur letzten Hartz-IV-Erhöhung verfolgt hat, weiß, dass den Alg-II-Empfängern, um die es bei den Unglücklichen in Thüringen gehen dürfte, nicht mal Geld für eigenes Bier zur Verfügung steht. (Quelle 3) Die 14 Euro dafür wurden nämlich gestrichen. Auch die alternativen monatlichen 2,99 Euro für Mineralwasser dürften nicht für eine Gastbewirtung ausreichen. Vielmehr müsste der eine Alg II-Empfänger den anderen bitten, sein Mineralwasser selbst mitzubringen, um dann gemeinsam Frust, wegen der Trostlosigkeit schieben zu können. Wollen die beiden alternativ ausgehen, steht ihnen die Pauschale für Beherbergungs- und Gaststättendienstleistungen von monatlich 7,16 Euro zur Verfügung. Dass hiermit nachhaltig positives Erleben sozialer Kontakte finanziert werden könnte, darf man wohl bezweifeln.

Quellen:

  1. Deutsche Post stellt erste deutsche Glücksstudie vor (Deutsche Post DHL über eine Studie von Renate Köcher und Bernd Raffelhüschen im Auftrag der Deutschen Post DHL, dp-dhl.com, 20.09.2011)
  2. Glücklich in Hamburg, missmutig in Berlin (Carsten Brünstrup, tagesspiegel.de, 20.09.2011)
  3. Hartz-IV-Regelsätze (tagesschau.de, 27.09.2010)

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